Michelsenschule Hildesheim - Geschichte

Abschluss 1949

Schulzeit 1942-45 und 46-49

Ansprache zur 60 - jährigen Schulentlassung anläßlich der V.a.H. Hauptversammlung am 07.02.2009 in der Michelsenschule Hildesheim.

Herr Vorsitzender, sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren Schäffer und Geffert, liebe ehemaligen Michelsenschüler.

Vor 60 Jahren erhielten wir unser Abgangszeugnis mit den Kopfzeilen: Michelsenschule / Höhere Landwirtschaftsschule / Hildesheim, Landw. Oberschule (8 klassig ), Lehranstalt der Landwirtschaftskammer Hannover. Links die Schul-Nr. (bei mir 10388), rechts der Schulspruch: Wie die Saat, so die Ernte. Es folgen die Daten des Schülers. Im unteren Teil: Versetzt nach Klasse 7/11. Schuljahr (Hörer) und der Hinweis: Nach mindestens zweijähriger landw. Praxis und bestandener Landwirtschaftsprüfung weiterer Schulbesuch.

Das Zeugnis weist folgende Benotungen aus:

Allgemein: Betragen, Ordnung, Aufmerksamkeit. Leistungen: Deutsch, Geschichte - Staatsbürgerkunde, Erdkunde, Englisch, Mathematik, Physik, Maschinenkunde, Chemie, Biologie, Acker- u. Pflanzenbau, Tierzucht, Feldmessen-Nivellieren, Leibesübungen, Handschrift. Hildesheim, den 25.3.1949, Direktor Dr. Riesenberg, Klassenleiter Dr. Glaesner.

Beschreibung der Schulzeit 1942 - 45 und 46 - 49:

In der Sexta waren wir im Kriegsjahr 1942 fünfundvierzig Schüler, die aus Niedersachsen und Sachsen-Anhalt kamen, bei der Schulentlassung 1949 zählten wir wegen der Zonengrenze noch 28 Schüler; der älteste, Brandstätter, kam 1946 dazu und war - wenn ich mich richtig erinnere - noch Kriegsteilnehmer.

Zusammen mit meinem Mitschüler Heinrich Achilles aus Bredelem bei Goslar und dem älteren Heinrich Flasche aus Növenthien und ich aus Suhlendorf -Letztere aus dem Kreis Uelzen - waren wir „Pensionsschüler“ in der traditionsreichen Pension Viesohn, Alfelder-Str. 88, nahe den Eisteich-Wiesen. Als Jungen vom Lande lernten wir die beeindruckende Fachwerk-Stadt Hildesheim mit ihren vielen Kirchen und Schulen und den gemütlichen Straßenbahnen kennen.

Doch diese Idylle währte nicht mehr lange.- Aus Hitlers Angriffs- und Okkupations-Krieg in Europa, den Überfall auf die Sowjetunion, den Kriegsschauplatz Nord-Afrika und mit seiner Kriegserklärung an die USA kam es zum totalen Krieg.

Die Alliierten hatten mit ihren Kampfflugzeugen sehr bald die Lufthoheit über das „Groß-Deutsche Reich". Alle kriegswichtigen Ziele, Verkehrsverbindungen und in Folge alle Großstädte wurden in Schutt und Asche gelegt.- Das war das Szenario mindestens ab 1944.

Im Februar 1945 wurden die Hildesheimer Schulen geschlossen und wir entgingen somit dem Schlimmsten!

Die Wiederaufnahme des Unterrichts erfolgte Anfang Januar 1946, die Michelsenschule war allerdings nur noch eine Ruine! An drei Tagen in der Woche mussten wir uns die verbliebenen Räume in der Staatsbauschule am Hohnsen mit anderen Schulen teilen. An Stelle der Zentralheizu ng gab es Ofenheizung, für die von den Fahrschülern von den elterlichen Höfen Brennmaterial mitgebracht wurde. Schulbücher aus dem Dritten Reich waren verboten und andere gab es nicht. Der Lehrstoff wurde referiert und wer von den Schülern Papier hatte, konnte mitschreiben. Nur „entnazifizierte Lehrer durften unterrichten. Da waren Dr. Riesenberg, Dr. Wolf, Dr. Glaesner, Dr. Borchers und andere, aber auch einige neue Lehrer die Kräfte!

Mehr Klassenraum und mehr Unterricht fanden wir dann in der Moritzberg-Schule, aber auch hier waren wir Selbstversorger in Sachen Ofenheizung. Das Unterrichtsfach Geschichte wurde zunächst durch „Staatsbürgerkunde" ersetzt, weil die Staatsform Demokratie für uns unbekannt war. Mittlerweile begannen die Enttrümmerungsarbeiten in der Michelsenschule, bei denen wir „Pensionsschüler“ weil vor Ort, gefragt waren. Aber auch die Fahrschüler haben dann später zum Beispiel beim Dachpfannen-Abladen und Stapeln mit geholfen.

Etwa 1948 wurden die ersten Klassenräume in der Michelsenschule wieder genutzt und von da ab ging der Wiederaufbau schnell voran. Dann kam mit der Währungsreform am 19. Juni 1948 die Einführung der D-Mark, der Beginn des Wirtschaftswunders! Unsere Eltern hatten nach dem Ersten Weltkrieg die Inflation 1922/23 erlebt; Ursache waren die damaligen Kriegsschulden.

Mit dem vollen Unterricht wurden wir bis 1948 aus Kapazitätsgründen noch nicht versorgt. So vielen Zeichnen, Musik und Religion aus. Diese Ausführungen mögen verständlich gemacht haben, welchen großen Defiziten unsere Generation ausgesetzt war und was später auf anderem Wege nachgeholt und ausgeglichen werden musste.

 

Hellmuth Schröder